18 Jan, 2016 | 15:01

Vom Ursprung des Kaffees

Eine Reportage aus Äthiopien | von Jochen Weber

 

„Teret, Teret“ – „Eine Geschichte, eine Geschichte“! So ruft der traditionelle Erzähler in Äthiopien, um den Anfang einer neuen Geschichte anzukündigen. „Yelam Beret. Yemeseret“ antworten dann halb singend in Reimform die aufgeregten Kinder und Jugendlichen, was „Kuhstall“ und „Gründung, oder Ursprung“ bedeutet (= Geschichten, die der Tradition Rechnung tragen). So beginnt ein typischer Abend der äthiopischen Erzähltradition. Dieses zeitlose Ritual bedeutet eine gute Zeit des Beisammenseins, in der das ganze Dorf über Gott und die Welt, ihre eigene Identität und unzählige andere Fragen diskutiert, die die Menschen seit jeher beschäftigen. Ist die spannende Geschichte dann fertig erzählt, endet der Erzähler mit dem Reim „Teretayn Melesu, Afayn Bedabbo Abesu“, was so viel bedeutet wie „Als Gegenleistung für meine Geschichte gebt mir etwas Brot zum Kauen“. Danach übernimmt dann der oder die nächste die Rolle des Geschichtenerzählers, und beginnt ebenso mit „Teret, Teret …“ eine weitere spannende und lehrreiche Geschichte.

 

Typische äthiopische Hütten („Tukulus“) aus Holz, Lehm und Stroh

Typische äthiopische Hütten („Tukulus“) aus Holz, Lehm und Stroh

 

 

In den Hütten wird gekocht

In den Hütten wird gekocht

 

Die alten äthiopischen Geschichten und Volksmärchen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, sind vor allem sehr beliebt bei Kindern und Jugendlichen. Diese Geschichten lehren ihnen die Geschichte ihres Landes, die Kultur und die Weisheit, was zu tun und zu lassen ist; sie lehren ihnen Humor sowie den Umgang mit alltäglichen Schwierigkeiten. Die Kinder reflektieren, weinen und lachen dabei. Solche Geschichten sind aber auch notwendig für die Erwachsenen, da sie die Grundsätze des Lebens von Generation zu Generation weitergeben. Und nun lasst mich Euch eine Geschichte erzählen, die äthiopische Geschichte vom Ursprung des Kaffees!

„Teret, Teret …

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf in der äthiopischen Region Kaffa der Ziegenhirte Kaldi. Kaldi war ein smarter Junge und er arbeitete von morgens früh bis spät am Abend, um seine Eltern finanziell zu unterstützen. Kaldi und seine Ziegen verließen jeden Tag das Haus bei Sonnenaufgang. Sie nahmen einen schmalen Pfad den steilen Berg hinauf, bis sie den Wald mit dem frischen Gras erreichten. In dem Wald gab es klares Quellwasser, jede Menge Gras und viele Früchte, weshalb Kaldi und seine Ziegen sehr gerne hierherkamen. Eines Tages, als der Tag langsam zu Ende ging, hörte Kaldi auf dem Nachhauseweg einen Schrei einer Ziege aus dem Wald – schnell zählte er seine Ziegen. „Oh nein“, rief er, „es fehlt eine Ziege“! „Die Ziege könnte von einer Hyäne angefallen worden sein“, sorgte er sich. Also ging er in den Wald, um seine Ziege zu suchen.

Tief im Wald fand er die verlorene Ziege, wie sie auf und ab hüpfte. Es war das erste Mal, dass Kaldi eine der sonst so ruhigen Ziegen so lebhaft vorfand. Die Ziege hatte augenscheinlich die roten Beeren von einem der Bäume gefressen. Die anderen Ziegen versammelten sich um sie und begannen ihr nachzueifern. Wie die andere Ziege begannen auch sie auf und ab zu springen. Von den lebhaften Ziegen ermuntert probierte nun auch Kaldi diese roten Früchte.

Und was meint ihr, was dann passierte?

Kaldi verspürte eine Frische in seinem Körper und er wurde ebenso vergnügt wie seine Ziegen. Kaldi pflückte viele von den roten Kirschen und begab sich gut gelaunt mit seinen springenden Ziegen auf den staubigen Pfad in Richtung seines Dorfes. Zu Hause begab er sich sofort zum Priester des dortigen Klosters. Dieser glaubte ihm aber kein Wort und Kaldi war enttäuscht, dass man ihn nicht ernst nahm. Traurig ließ er die Kirschen zurück und ging mit seinen Ziegen nach Hause.

Wilder Kaffeeewald, Bonga, Äthiopien

Wilder Kaffeeewald, Bonga, Äthiopien

Die Mönche des Klosters aber, die dem Gespräch zwischen Kaldi und dem Priester zugehört hatten, ließen nicht vom Thema ab und zeigten großes Interesse an den roten Kirschen. Am Ende nahm einer von ihnen ein paar von den Kirschen und kaute sie vorsichtig.

Und was meint ihr, was dann passierte?

Schon nach kurzer Zeit fühlte er eine Frische in seinem Körper und er wurde so lebhaft, wie Kaldi es erzählt hatte. In dieser Nacht gab es in dem Kloster langwierige Gebete, die die ganze Nacht andauern sollten. Aber in dieser Nacht blieben die Mönche, die sonst gerne einmal einnickten, hellwach, denn alle hatten sie von den roten Kirschen gegessen. Der Priester fragte einen der Mönche, was da vor sich gehe. Dieser erzählte ihm, dass sie alle von den roten Kirschen versucht hätten. „Das ist ein Fluch, das muss mit dem Teufel zugehen!“ Der Priester warf die restlichen roten Kirschen in das brennende Feuer.

Und was meint ihr, was dann passierte?

Mit dem Rauch des Feuers lag plötzlich ein verführerisches Aroma in der Luft und jeder war von diesem Aroma verzaubert, sogar der Priester!

Viel Zeit ist seit diesen ereignisreichen Tagen vergangen. Die roten Kirschen, die Kaldi gefunden hatte, wurden in vielen Ländern außerhalb Äthiopiens eingeführt und sie wurden in der Welt bekannt und beliebt als ein Getränk, das man „Kaffee“ nennt. Das ist der Beginn der Geschichte des Kaffees, der in Äthiopien entdeckt wurde.“

 

 

Äthiopischer Arabica Kaffee (Harar)

Äthiopischer Arabica Kaffee (Harar)

 

In Äthiopien wächst zu 100% Arabica-Kaffee. Neben diesem äthiopischen Arabica-Kaffee stammt der Canephora-Kaffee (Robusta) ursprünglich aus dem Kongo und der Liberica-Kaffee aus Liberia. Dieses sind die drei typischen Kaffee-Arten aus den Zeiten der Entdeckung des Kaffees. Sie stammen alle aus Afrika, aber vor allem die Europäer verbreiteten diese Samen in die ganze Welt! Aus diesem Grund wird heute Kaffee in Mittel- und Südamerika, Indonesien, Hawaii, Vietnam und seit neuestem auch in China angebaut. Die Robusta- und Liberica-Samen, die widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten und Schädlingen sind, wachsen in tieferen Lagen als Arabica-Kaffee und weisen eine hohe Produktivität auf.

In den wilden Wäldern im Süden und Südwesten Äthiopiens wachsen die Bäume mit wildem Kaffee noch in der gleichen Weise, wie man sie schon von Anfang an vorfand. Diese Bäume gelten als die Vorfahren der heutigen Arabica-Kaffeebäume, weshalb sie die Einheimischen als Mutterbäume des Kaffees verehren und ihren Besitz von Generation zu Generation weitervererben. Ihre durchschnittliche Höhe beträgt ca. 2 m, einige sind aber auch 6 – 8 m hoch.

 

Wilde Kaffeebäume können bis zu 8m hoch wachsen

Wilde Kaffeebäume können bis zu 8m hoch wachsen

 

Sie wachsen in einer reichen, laubhaltigen Erde, die gleichzeitig das Wasser ablaufen lässt und doch die Feuchtigkeit hält. Die Höhenlage beträgt 1.100 m – 2.100 m über dem Meeresspiegel, der jährliche Niederschlag liegt bei 1.500 mm – 2.500 mm. Diese Nebelwälder sind eine der artenreichsten Regionen der Welt, in ihnen gibt es mehr als 700 Arten von Pflanzen, darunter auch Heilpflanzen, rund 300 Vogelarten leben hier sowie Antilopen, Büffel und Leoparden, ja sogar Löwen.

Arabica-Kaffee gehört zu den wenigen großen Welthandelsprodukten, die noch in ihrer ursprünglichen Form als Wildpflanzen in ihrer Heimat existieren. Forschungsergebnisse der Universität Addis Abeba belegen, dass es etwa 60 genetische Stämme von Kaffee gibt.[1] Diese genetische Vielfalt tritt immer mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, denn diese ursprünglichen, wilden Kaffees haben eine enorme kulturelle Bedeutung und einen großen biologischen Wert: 1970 konnten Gene eines Kaffeebaums aus den äthiopischen Wäldern durch Kreuzung ein ernsthaftes Problem eines Befalls mit dem Rostpilz in Kaffeeplantagen in Lateinamerikas lösen. Dies verhinderte dort eine ernste Wirtschaftskrise. Der Wert des Erbes dieses Wildkaffees ist so gesehen unermesslich. Allerdings werden die äthiopischen Wälder, in denen der Wildkaffee wächst, jedes Jahr immer kleiner. Es heißt, dass zwei Drittel der Wälder in Äthiopien bereits verloren sind, und es besteht die Sorge, dass die Wälder, die den wilden Arabica-Kaffee beheimaten, irgendwann aussterben. Um dies zu verhindern, hat es der Naturschutzbund Deutschland (NABU) im Jahr 2010 geschafft, die Wildkaffe-Wälder in der Region Kaffa als UNESCO-Biosphärenreservat anerkennen zu lassen. Dieses Biosphärenreservat ist mit rund 760.000 Hektar etwa halb so groß wie Schleswig-Holstein. Ein großer Teil davon wird von immergrünen Bergnebelwäldern eingenommen, die zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten beherbergen. Besonders berühmt aber sind die Wälder für die letzten Vorkommen des wilden Arabica-Kaffees.

Kaffee im Bergnebelwald

Kaffee im Bergnebelwald

 

 

Frisch gerösteter Kaffee

Frisch gerösteter Kaffee

 

Der Kaffee wird frisch aufgebrüht

Der Kaffee wird frisch aufgebrüht

 

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[1] Quelle: “The situation and potential of medicinal plants in Ethiopia”, International Agricultural and Forestry Department, (2008)

 

 

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